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Franz Marcs „Tiger“ und der Kubismus

Das Meisterwerk „Tiger“ von Franz Marc aus dem Jahr 1912 gilt als eines seiner faszinierendsten Tierbilder und erzeugt eine außergewöhnliche Spannung. Wie kommt diese Spannung zu Stande, worauf lässt sich die erstaunliche Farbgebung zurückführen und wie viel Kubismus steckt eigentlich in seinem „Tiger“? Antworten findest Du in diesem Beitrag.

Franz Marc und der Kubismus

Franz Marc – Tiger (1912), Öl auf Leinwand, ca. 112 cm x 102 cm, Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München

Die Kunstrichtung des Kubismus wurde vor allem von Picasso und Braque in den Jahren 1907 bis 1914 geschaffen und gilt als eine wichtige Innovation der modernen Kunst. Der Kubismus war ein revolutionärer Bruch mit der bisher bekannten Malerei und löste ihre Zwänge bzw. erweiterte ihre Ausdrucksmöglichkeiten.

Er zeichnet sich dadurch aus, dass die Bildfläche in geometrischen Formen aufgeteilt und mitunter blockweise (frz. cube – Würfel) wie Puzzlestücke wieder zusammengesetzt wird. Klassische Perspektive, kunstvoller Pinselstrich und plastisch-räumliche Darstellung wurden dabei zu Gunsten einer neu gewonnenen Ausdrucksfähigkeit reduziert.

Marcs Freund und Künstlerkollege Kandinsky beschreibt diese neue Technik, nachdem er sie vor allem an Picassos Werk studiert hatte, folgendermaßen:

Picasso zerteilt den Gegenstand und streut einzelne Teile über das Bild […] Aus dem Durcheinander dieser Teile besteht das Bild.

Wassily Kandinsky über den Kubismus

Sein Urteil lautete schließlich:

Riesig interessant!

Wassily Kandinsky über den Kubismus

Auch Franz Marc selbst konnte sich der Faszination des Kubismus nicht entziehen und wurde in seiner weiteren künstlerischen Entwicklung fortan stark von dieser neuartigen Stilrichtung beeinflusst. Franz Marcs „Tiger“ ist ein gutes Beispiel, wie ausdrucksstark Marc die neu gewonnen kubistischen Techniken anwendet und in eine eigene expressive Bildsprache überführt.

Der Kubismus in Franz Marcs „Tiger“

Der Hintergrund in Franz Marcs „Tiger“ wird durch farbige, kubisch anmutende Formationen gebildet. Statt Rundungen, wie in vielen seiner vorherigen Bilder, verwendet Marc zahlreiche dreieckige Formen, scharfe Kanten und Zacken. Die dreidimensionale Wirklichkeit wird sozusagen aufgefächert und auf die Fläche der Leinwand projiziert. Räumlichkeit wird nicht mehr rein durch die Perspektive, sondern durch das Nebeneinander von flächigen Farben erzeugt.

Dieser stark abstrahierte Hintergrund wird häufig als Dschungel, also die natürliche Heimat des Tigers, interpretiert. Obwohl der penible Tierbeobachter Marc sich seine Inspiration sehr wahrscheinlich bei Beobachtungen im Berliner Tiergarten holte, überführte er ihn also ganz bewusst in sein natürliches Umfeld. Das Tier scheint ganz in seiner Umgebung aufzugehen. In der Mitte des Tigers werden zum Beispiel die Körperkonturen fast vollständig aufgelöst. Wenn der aufgeschreckte wach-lauernde Kopf des Tigers mit seinem blitzenden Auge nicht wäre, könnte er nahezu komplett im Bild verschwinden. Als Betrachter fühlt man sich fast als Störenfried, welcher das Tier aus seinem harmonischen Einklang mit der Natur herauszureißen scheint.

Aus diesem Gegensatz von Ruhe und Unruhe erwächst die enorme Spannung, welche dieses Werk auszeichnet und weltberühmt gemacht hat. Dabei bleibt es der Interpretation des Betrachters überlassen, wie er die instinktiv zu erwartende „Kampf-oder-Flucht-Reaktion“ des Tigers einschätzt.

Vorläufer: Vom Panther zum Tiger

Die direkte Konfrontation des Betrachters mit dem dargestellten Objekt ist für Marc sehr außergewöhnlich. Vergleicht man zum Beispiel den „Tiger“ mit seinen Pferde- oder Rehbildern, stellt man fest, dass letztere sich fast immer eher ab- als zuwenden. Der Tiger ist auch eines der wenigen wilden Raubtiere, welche Marc verewigt hat.

Als ein Vorgänger des Tigerbildes gilt die Skulptur „Der Panther“ aus dem Jahr 1908. Fast alles, was den „Tiger“ auszeichnet scheint hier schon vorgedacht zu sein. Lediglich am kubischen Handwerkszeug hat es zu dieser Zeit Marc noch gefehlt.

Franz Marc- Der Panther (1908), Kulturstiftung Sachsen-Anhalt, Kunstmuseum Moritzburg Halle (Saale), Foto: Wieland Krause

Erst vier Jahre später im Jahre 1912, nachdem Marc mit dem Kubismus in Kontakt gekommen war, nimmt er die Idee der Darstellung eines Raubtieres wie den Panther wieder auf. Ein Holzschnitt aus eben diesem Jahr zeigt einen Tiger in gespiegelter, aber vergleichbarer Haltung.

Franz Marc – Tiger Holzschnitt (1912), Holzschnitt auf silbern gespritztem Japanpapier, Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München, Gabriele Münter Stiftung 1957

Farbgebung und Interpretation

Franz Marc entwickelte eine sehr individuelle Farbphilosophie, wobei er die Farbwahl immer äußerst sorgfältig abgewogen hat (mehr hierzu in diesem Beitrag). Die Farbgebung des „Tigers“ bietet viel Raum für Interpretationen und Spekulationen.

Beginnen wir mit dem leuchtenden Gelb des Tigers. Gelb versinnbildlicht für Marc das „weibliche Prinzip, sanft, heiter und sinnlich“. Auf den ersten Blick scheint dies ein Widerspruch zu dem eher weniger sanft und heiter wirkenden Tiger zu sein. Die Idee der Frau als gefährliches Raubtier würde Marcs Farbkonzept eigentlich unvereinbar entgegenstehen. Doch dieser scheinbare Widerspruch trägt auch zu der Spannung teil, welche diesem Werk als Konzept zu Grunde liegt.

Der überwiegend grüne Hintergrund, nicht nur bei Marc ein Symbol des „erweckten Lebens“, passt hingegen sehr gut zu der natürlichen Umgebung des Dschungels.

Rot, „die Materie, brutal und schwer“ bildet den Untergrund auf dem der Tiger liegt sowie dessen Hinterleib, während die Farbe Blau, „das männliche Prinzip, herb und geistig“ mit scharfen Kanten das Bild von links unten nach rechts oben teilt.

Diese brutale Verbindung der beiden Prinzipien, des kühlen, geistigen Mannes mit dem gelben, weiblichen Tiger zusammen mit dem schweren Rot, wird häufig als eine sexuelle Anspielung interpretiert. Doch woher käme dann dieses sexuelle Spannungsfeld zwischen Mann und Frau?
Aus Marcs strenger calvinistischer Erziehung durch seine Mutter? Eine Verarbeitung seiner Dreiecksbeziehung mit Marie Schnür und Maria Marc (geb. Franck)? Oder aus der ungewollten Kinderlosigkeit seiner Ehe mit Maria Marc (geb. Franck)? Von ihr ist überliefert, dass sie unter der Situation sehr gelitten hat, jedoch sind von Franz Marc selbst keine Hinweise in dieser Richtung bekannt.

Raum für Spekulationen gäbe es also genug, sehr wahrscheinlich gehen diese Interpretationen aber zu weit. Es sind wohl auch diese offenen Fragen, welche die Faszination für dieses Meisterwerk ausmachen.

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4 Kommentare zu „Franz Marcs „Tiger“ und der Kubismus“

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