Die Trias des Wahren, Schönen und Guten – aus der Zeit und aus dem Sinn?

Die Trias des Wahren, Schönen und Guten ist ein klassisches Ideal, das über lange Zeit das kulturelle und künstlerische Leitbild unserer westlichen Kultur entscheidend geprägt hat. Doch heute ist sie nahezu vergessen. Lediglich ein anachronistisch anmutender Hinweis in der bayerischen Verfassung lässt auf ihre vergangene Bedeutung schließen. Was steckt hinter der Trias des Wahren, Schönen und Guten? Wie kam es zum Aufstieg und warum geriet sie nahezu in Vergessenheit?

Alte Oper Frankfurt mit  dem Schriftzug „Dem Wahren, Schoenen, Guten“ (Christoph F. Siekermann, Alte Oper Frankfurt im Winter, CC BY-SA 3.0)

Der Ursprung der Trias liegt, wie so vieles, bei den alten Griechen. Genauer: bei Sokrates. Da Sokrates keine eigenen Schriften hinterlassen hat, dient sein Schüler Platon mit seinen Werken „Phaidros“, „Philebos“ und „Symposion (Das Gastmahl)“ als Quelle.

Sokrates beschäftigt sich in diesem Zusammenhang vor allem mit dem Guten. Gut ist für ihn was

  1. das richtige Maß hat,
  2. schön ist und 
  3. wahr ist.

Sind alle drei Aspekte im Leben vereint, so ist es ein gutes Leben. Dabei drückt sich Schönheit durch das rechte Maß aus und die Wahrheit wiederum spiegelt sich in der allgemeinen Gültigkeit wider. Das Wahre, Schöne und Gute ist also schon bei Sokrates eng miteinander verknüpft.

Um den Fragen nach Ursprung und Aufstieg der Trias nachgehen zu können bietet sich eine Begriffsbestimmung an. Das griechische Wort für Wahrheit ist αληθεια („aletheia“) und setzt sich aus einer Verneinung und ληθω („letho“) zusammen was sich wiederum von λανθανω („lanthano = verborgen) ableiten lässt. Wahrheit ist also dem griechischen Ursprung entsprechend das Unverborgene oder das Enthüllte. Während das griechische καλος („kalos“= schön) weitgehend mit der deutschen Bestimmung zusammenfällt, kann αγαθος („agathos“ = gut) sowohl gut, tapfer, edel als auch nützlich bedeuten. Das Gute hat also nicht nur eine moralische, sondern auch eine praktisch-nützliche Schlagseite.  Auf dieser Basis wird später auch der gelernte Altphilologe Nietzsche argumentieren und dem Guten eine moralische Komponente komplett absprechen.

Gerhard Kurz knüpft mit einer ausführlichen Kulturgeschichte des klassischen Ideals in seinem Buch  „Das Wahre, Schöne, Gute – Aufstieg, Fall und Fortbestehen einer Trias“ an Sokrates und Platon an und  erzählt die Transformation der Trias über Renaissance und Aufklärung in unsere heutige Zeit.

„Das Wahre, Schöne, Gute – Aufstieg, Fall und Fortbestehen einer Trias“ von Gerhard Kurz

Der Höhepunkt der Trias lässt sich unbestreitbar im 18. und 19. Jahrhundert verorten. Auf diese Zeit ist auch der Ursprung der Aufnahme in die bayerische Verfassung zurück zu führen. Dort heißt es:

Oberste Bildungsziele sind Ehrfurcht vor Gott, Achtung vor religiöser Überzeugung und vor der Würde des Menschen, Selbstbeherrschung, Verantwortungsgefühl und Verantwortungsfreudigkeit, Hilfsbereitschaft, Aufgeschlossenheit für alles Wahre, Gute und Schöne und Verantwortungsbewusstsein für Natur und Umwelt.

Bayerische Verfassung, Artikel 131, Absatz 2

Zu dieser Zeit fand jedoch auch eine entscheidende Neujustierung der Trias statt. Wenn bis dato eine Einheit der Trinität mit wechselnder Schlagseite im Mittelpunkt stand, so emanzipierte sich nun die Kunst als Kulminationspunkt der Schönheit. Die Berechtigung der Zusammenführung wurde fortan mit dem Lustgewinn des Schönen begründet. Denn die Erfahrung von Schönen schafft eine ästhetische Befriedigung, welche die Menschen zu gutem und wahren Handeln verleitet. Von hier war es zu einer schwärmerischen Überhöhung der Kunst nicht mehr weit. Schließlich war der Übergang zur „l’art pour l’art“-Programmatik, also einem reinen Kunstverständnis um der Kunst willen, folgerichtig.

Im Laufe der Zeit hat die Trias immer wieder eine mehr oder weniger umfassende Neuinterpretation erfahren. Bis schließlich zum Ende des 19. Jahrhunderts die Kritik immer größer wurde. Einer der wichtigsten Kritiker war Friedrich Nietzsche, der sich auf den ursprünglichen Bedeutungssinn berufend in seiner bekannten polemischen Art ausführt:

An einem Philosophen ist es eine Nichtswürdigkeit zu sagen: Das Gute und das Schöne sind Eins: fügt er gar noch hinzu „auch das Wahre“, so soll man ihn prügeln. Die Wahrheit ist hässlich: Wir haben die Kunst, damit wir nicht an der Wahrheit zu Grunde gehen.

Friedrich Nietzsche, Wille zur Macht

Kunst hat für ihn überhaupt nichts mit Moral oder Wahrheit zu tun, sondern ist lebendiger Ausdruck des Willens zur Macht. Wahrheit, Schönheit und das Gute sind für ihn somit strikt voneinander zu trennen.

Durch die Angriffe der Kritiker des 19. Jahrhunderts ist die Trias des Wahren, Schönen und Guten heute komplett aus der Mode und wirkt wie aus der Zeit gefallen, wenn sie wie zum Beispiel in der bayerischen Verfassung Verwendung findet. Doch latent ist sie allgegenwärtig. Als vererbter Leitsatz dient sie noch heute bewusst oder unbewusst als Orientierung. Und das nicht nur als Gliederungssystematik eines Kulturblogs. Die Trias des Wahren, Schönen und Guten hat über die Zeit schon das ein oder andere erfolgreiche Comeback hingelegt. Was gut ist kommt immer wieder. Lasst uns sehen, was die Zeit bringt.

In diesem Sinne ¡hasta la vista, CulturaLista!

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