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„Die Eichbäume“ von Friedrich Hölderlin und die Fesseln der Liebe

Eichbäume in der Abendsonne im Spätherbst

Mit „Die Eichbäume“ emanzipierte sich Friedrich Hölderlin von seinem Vorbild Friedrich Schiller und fand endlich zu seinem eigenen, unverwechselbaren Ton.

Hölderlin entwickelt seinen eigenen Stil

Mit „Die Eichbäume“ von 1796 widmete sich Hölderlin nach längerer Pause wieder der antiken Versform des Hexameters. Mit diesem Gedicht, welches 1796 in den „Horen“ seines Vorbildes und Mentors Friedrich Schiller erschien, fand Hölderlin endlich zu seinem eigenen, unverwechselbaren Ton, welcher heute so bewundert wird. Von Schillers Reimgedichten hat er sich damit endgültig emanzipiert und setzte einen Meilenstein der deutschen Poesie:

Die 
Eichbäume Der Eichbaum kann als ein Symbol für Freiheit, Jugend und Stolz interpretiert werden. Bei den alten Griechen war der Eichbaum dem höchsten Gott Zeus geweiht, bei den Germanen dem Donnergott Thor/Donar. Später wurde der Eichbaum auch der Nationalbaum der Deutschen.
Aus den Gärten komm’ ich zu euch, ihr Söhne des Berges! Aus den Gärten, da lebt die Natur geduldig und häuslich, Pflegend und wieder gepflegt mit dem fleißigen Menschen zusammen. Aber ihr, Ihr Herrlichen! steht, wie ein Volk von
TitanenRiesen der griechischen Mythologie, Nachkommen der Gaia (Erde) und des Uranos (Himmel). So werden auch die Eichbäume im Gedicht als Abkömmlinge der Erde, welche sie geboren hat und des Himmels, welcher sie ernährt und erzogen hat, dargestellt. Symbolisch stehen die Titanen auch für Auflehnung und ungebändigte Naturgewalten.
In der zahmeren Welt und gehört nur euch und dem Himmel, Der euch nährt’ und erzog und der Erde, die euch geboren. Keiner von euch ist noch in die Schule der Menschen gegangen, Und ihr drängt euch fröhlich und frei, aus der kräftigen Wurzel, Untereinander herauf und ergreift, wie der Adler die Beute, Mit gewaltigem Arme den Raum, und gegen die Wolken Ist euch heiter und groß die sonnige Krone gerichtet. Eine Welt ist jeder von euch, wie die Sterne des Himmels Lebt ihr, jeder ein Gott, in freiem Bunde zusammen. Könnt’ ich die Knechtschaft nur erdulden, ich neidete nimmer Diesen Wald und schmiegte mich gern ans gesellige Leben. Fesselte nur nicht mehr ans gesellige Leben das Herz mich, Das von Liebe nicht lässt, wie gern würd’ ich unter euch wohnen!

Die Fesseln der zahmeren Welt der Liebe

Eichbäume in der Abendsonne im Spätherbst
Eichbäume in der Abendsonne im Spätherbst

Das lyrische Ich empfindet die Sphäre seines Daseins in der „zahmeren Welt“, wo „geselliges Leben“ herrscht „als Knechtschaft“ und möchte sie gerne verlassen. Aus dieser Sphäre taucht es in die idealisierte Gegenwelt der Eichbäume ein und preist sie in höchsten Tönen. Die Eichbäume werden mit „Titanen“ und „Adler“ verglichen, welche frei „wie die Sterne des Himmels“ leben.

Doch so sehr sich das lyrische Ich auch nach der Selbstständigkeit in dieser idealisierten Ersatzwelt sehnt, sie bleibt doch unerreichbar: Die Fesseln der Liebe ans gesellige Leben im Diesseits sind stärker:

Fesselte nur nicht mehr ans gesellige Leben das Herz mich,

Das von Liebe nicht lässt, wie gern würd’ ich unter euch wohnen!

Die letzten beiden Strophen von „Die Eichbäume“ von Friedrich Hölderlin

Die Welt der Eichbäume bleibt also – vorerst – eine Utopie, ein schöner, unrealistischer Tagtraum.

Interpretation und biographischer Hintergrund

In einer älteren Fassung hieß das Gedicht noch „Die Eichen“, erst später erhielt es seinen finalen Titel „Die Eichbäume“ und bekam dadurch einen persönlicheren Ausdruck. Doch welche Art von Liebe mag Hölderlin wohl an das gesellige Leben gefesselt haben?

Hölderlin war zur Entstehungszeit des Gedichtes als Hauslehrer in Frankfurt tätig und hatte eine Affäre mit Susette Gontard („Diotima“), der Frau seines Arbeitgebers. Ist es die Liebe zu seiner Diotima, die ihn fesselte und auf das Diesseits hoffen ließ?

Oder verarbeitete Hölderlin mit „Die Eichbäume“ seine Beziehung zu seinem Idol Friedrich Schiller, das ja bekanntlich alles andere als unkompliziert war. Just zur Entstehungszeit des Gedichts begann er sich endgültig von ihm zu lösen und einen eigenen künstlerischen Weg einzuschlagen. Wie schwer es ihm fiel, gestand Hölderlin Schiller später in einem Brief:

… dass ich zuweilen in geheimem Kampfe mit Ihrem Genius bin, um meine Freiheit gegen ihn zu retten, und dass die Furcht, von Ihnen durch und durch beherrscht zu werden, mich schon oft verhindert hat, mit Heiterkeit mich Ihnen zu nähern.

Friedrich Hölderlin in einem Brief an Friedrich Schiller im Jahre 1798

Es sind also biographische Bezüge vorhanden, welche zur Interpretation herangezogen werden können. Doch wie so oft, kann das Gedicht auch für sich ohne diese Bezüge gelesen werden: Als das Träumen von einer besseren, freieren Welt jenseits der entzauberten Welt des Daseins.

In diesem Sinne ¡hasta la vista, CulturaLista!

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