Die Begegnung Alexander des Großen mit dem Philosophen Diogenes

Der Eroberer Alexander der Große und der kynische Philosoph Diogenes von Sinope könnten unterschiedlicher kaum sein. Der eine machte sich auf, die damals bekannte Welt zu erobern, der andere versuchte sich frei von allem “Weltlichen” zu machen. Bevor Alexander gegen die Perser zog, begegneten sich die beiden in Korinth. Dort entwickelte sich einer der bekanntesten Dialoge der Philosophiegeschichte.

Alexander der Große und Diogenes
Alexander der Große und Diogenes, Gemälde von Giovanni Paolo Panninni, Öl auf Leinwand, Slowakische Nationalgalerie, 1730

Alexander vs. Diogenes

Alexander der Große – Machtmensch und Welteroberer

Alexander und Bukephalos bei der Schlacht bei Issos
Alexander der Große bei der Schlacht bei Issos

Schon die Zeitgenossen waren von Alexanders Tatendrang überwältigt. Bereits in jungen Jahren übernahm er von seinem Vater Philipp II. nach dessen Tod die Königswürde von Makedonien. Der gerade mal Zwanzigjährige sicherte sich daraufhin mit aller Gewalt die Macht gegen seine Widersacher innerhalb Makedoniens sowie die Vorherrschaft in Griechenland. Dabei machte er, wenn es ihm für seinen Machterhalt notwendig erschien, auch vor Gräueltaten keinen Halt. So wurde die gegnerische Stadt Theben in den inner-griechischen Auseinandersetzungen fast vollständig von Alexanders Mannen zerstört. Verschont wurden lediglich der Tempel und das Wohnhaus des Dichters Pindar.

In seinem Feldzug nach Asien unterwarf er nicht nur das Perserreich, sondern auch zahlreiche weitere Völker. Sein Feldzug endete erst im fernen Indien, als sogar seine treuesten Soldaten meuterten.

Doch Alexander war nicht nur Eroberer und Machtmensch. Die Zerstörung Thebens soll er danach bitter bereut haben und überwundenen Gegnern gegenüber zeigte er sich später meist äußerst großzügig und nachsichtig. Zum Beispiel behandelte er die gefangen genommene Königsfamilie Dareios III. mit allen Würden und Respekt und krümmte ihnen kein Haar. Mit seinem legendären Schlachtross Bukephalos ging er wie mit einem Freund um und gründete ihm zu Ehren sogar ein Stadt.

Obwohl er seit frühester Jugend zum Krieger und Staatsmann gedrillt wurde, genoss er auch eine außergewöhnliche geistige Bildung. Kein geringer als Aristoteles war sein Lehrer. Er weckte in ihm früh das Interesse für Philosophie und Literatur und pflanzte dem jungen Prinzen die Sehnsucht nach Erkenntnis und Erfolg ein.

Sein Ziel war die ganze damals bekannte Welt zu erobern und mit seinem Feldzug an das Ende der Welt zu gelangen.

Diogenes von Sinope – frei von allem Weltlichen

Diogenes
Diogenes von Jean-Léon Gérôme, Öl auf Leinwand, 1860

Diogenes von Sinope, ein Zeitgenosse Alexander des Großen, war ein vehementer Vertreter der philosophischen Strömung des Kynismus und als solcher ein Musterbeispiel der Bedürfnislosigkeit. So soll er zum Beispiel in völliger Armut in einem Fass gelebt haben.

Der Begriff Kynismus lässt sich mit dem griechischen Wort “ὁ κύων – der Hund” in Verbindung bringen. Kyniker wie Diogenes trugen die von weiten Teilen der Bevölkerung und anderen Philosophen als Spott gemeinte Bezeichnung mit Stolz und lebten ganz bewusst ein “Hundeleben” im Rhythmus der Natur, fern von gesellschaftlichen Konventionen und üblichen Werten. Platon soll Diogenes mal als “verrückt gewordenen Sokrates” bezeichnet haben. Und so falsch lag er wohl gar nicht.

“Geh mir nur ein wenig aus der Sonne”

Unterschiedlicher als Alexander und Diogenes könnten die beiden Protagonisten also kaum sein. Der griechische Schriftsteller Plutarch berichtet in seiner Parallelbiographie “Alexander – Caesar” über die legendäre Begegnung der beiden:

Die Griechen versammelten sich auf einer Landenge bei Korinth und beschlossen mit Alexander einen Feldzug gegen die Perser zu unternehmen. Sie wählten Alexander zum obersten Befehlshaber.
Daraufhin kamen viele Politiker und Philosophen zu ihm, um ihm zu gratulieren. Alexander nahm an, dass auch der in Korinth lebende Diogenes von Sinope, das Gleiche tun würde. Da dieser aber überhaupt keine Notiz von Alexander nahm und in aller Ruhe im Kraneion blieb, machte er sich selber zu ihm auf.
Als er bei ihm ankam, lag Diogenes gerade in der Sonne. Er setzte sich ein wenig auf, als er die große Menge an Leuten bemerkte und blickte Alexander an.
Dieser begrüßte ihn und fragte, ob er ihm einen Gefallen tun könne.
Darauf antwortete Diogenes:
“Geh mir nur ein wenig aus der Sonne!”
Εἰς δὲ τὸν Ἰσθμὸν τῶν Ἑλλήνων συλλεγέντων καὶ ψηφισαμένων ἐπὶ Πέρσας μετ’ Ἀλεξάνδρου στρατεύειν, ἡγεμὼν ἀνηγορεύθη.
πολλῶν δὲ καὶ πολιτικῶν ἀνδρῶν καὶ φιλοσόφων ἀπηντηκότων αὐτῷ καὶ συνηδομένων, ἤλπιζε καὶ Διογένην τὸν Σινωπέα ταὐτὸ ποιήσειν, διατρίβοντα περὶ Κόρινθον.
ὡς δ’ ἐκεῖνος ἐλάχιστον Ἀλεξάνδρου λόγον ἔχων ἐν τῷ Κρανείῳ σχολὴν ἦγεν, αὐτὸς ἐπορεύετο πρὸς αὐτόν· ἔτυχε δὲ κατακείμενος ἐν ἡλίῳ.
καὶ μικρὸν μὲν ἀνεκάθισεν, ἀνθρώπων τοσούτων ἐπερχομένων, καὶ διέβλεψεν εἰς τὸν Ἀλέξανδρον.
ὡς δ’ ἐκεῖνος ἀσπασάμενος καὶ προσειπὼν αὐτὸν ἠρώτησεν, εἴ τινος τυγχάνει δεόμενος, “μικρὸν” εἶπεν· “ἀπὸ τοῦ ἡλίου μετάστηθι”.
Alexander soll davon sehr beeindruckt gewesen sein und soll den Stolz und die Größe jenes Mannes, welcher ihn mit solcher Missachtung behandelt hatte sehr bewundert haben. Als seine Begleiter beim Weggehen lachten und spotteten sagte er:
“Wahrhaftig, wenn ich nicht Alexander wäre, dann möchte ich wohl Diogenes sein!”
πρὸς τοῦτο λέγεται τὸν Ἀλέξανδρον οὕτω διατεθῆναι καὶ θαυμάσαι καταφρονηθέντα τὴν ὑπεροψίαν καὶ τὸ μέγεθος τοῦ ἀνδρός, ὥστε τῶν περὶ αὐτὸν ὡς ἀπῄεσαν διαγελώντων καὶ σκωπτόντων, “ἀλλὰ μὴν ἐγὼ” εἶπεν “εἰ μὴ Ἀλέξανδρος ἤμην, Διογένης ἂν ἤμην”.

Interpretationen

Die Begegnung Alexanders und Diogenes ist eine der meist diskutierten Anekdoten der Philosophiegeschichte. Neben der geläufigsten Überlieferung durch Plutarch gibt es noch weitere Versionen mit geringen Abwandlungen, was auf die umfassende Rezeptionsgeschichte bereits im Altertum hinweist. Es wird sogar erzählt, dass Alexander und Diogenes am selben Tag im Jahre 323 v. Chr. gestorben sein sollen, was die Verbundenheit der beiden unterschiedlichen Charaktere widerspiegelt.

Ebenso zahlreich wie die Überlieferungen sind auch die Interpretationsansätze. Meist wird die Geschichte als Beweis für Diogenes Bedürfnislosigkeit, seine Abneigung gegenüber Ehre, Respekt und Reichtum und auch seiner Weisheit gesehen. Er ist der einzige, welcher Alexander die Stirn bietet und ihn auf dem Boden der Tatsachen zurückholt – und das mit einer gehörigen Portion Coolness. Wobei auch die Reaktion Alexanders auf einen großen Geist schließen lässt.

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