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Das Mysterium um Friedrich Hölderlins Donau-Hymne „Der Ister“

Blick über die Donau Richtung Osten aufgenommen von der Walhalla bei Regensburg

Die alten Griechen bezeichneten kultische Feiern mit einem geheim bleibenden Kern als „μυστήριον (mystérion)“. Hölderlins Donau-Hymne „Der Ister“ ist in vielerlei Hinsicht ein solches Mysterium: Feierlich und zugleich geheimnisvoll.

Entstehungsgeschichte und Titel

Blick über die Donau Richtung Osten aufgenommen von der Walhalla bei Regensburg
Blick über die Donau Richtung Osten, aufgenommen von der Walhalla bei Regensburg

Weder Entstehungsort, noch Entstehungszeit des Gedichts sind eindeutig überliefert. Wohl irgendwann zwischen 1802 und 1806 muss die Hymne, basierend auf Eindrücken welche Hölderlin zuvor durch seine Wanderungen an der Donau erlangt hat, entstanden sein. Während Hölderlins Lebzeiten wurde das Gedicht nie veröffentlicht. Ja nicht einmal einen Titel hat das Gedicht von Hölderlin bekommen. „Ister“ leitet sich vom altgriechischen „Ἴστρος – Istros“, der antiken Bezeichnung für die Donau, ab. Hölderlin erwähnt in seinem Gedicht an keiner Stelle die Donau, sondern spricht konsequent vom antikisierenden Ister. So treffend die heute etablierte Überschrift „Der Ister“ auch sein mag, von Hölderlin jedenfalls stammt sie nicht. Sie wurde erst später vom ersten Herausgeber des Gedichts Norbert von Hellingrath hinzugefügt.

Inhalt und Form

Doch nicht nur die Entstehungsgeschichte, auch der Inhalt und die Form der Hymne werfen Fragen auf.

Überliefert sind drei Strophen mit jeweils 20 Versen und einer vierten Strophe mit 12 Versen. Oft wird das Gedicht daher als unvollendetes Fragment angesehen, wobei der formvollendete Schluss eher gegen diese These spricht:

Was aber jener tuet der Strom,

Weiß niemand.

Schlussverse von Hölderlins „Der Ister“

Vielleicht war das Gedicht ursprünglich in einer anderen Form konzipiert und Hölderlin konnte es nie zu Ende bringen, weil der Schluss ganz einfach schon perfekt passte? Wir werden es wohl nie erfahren.

Auch der deutsche Philosoph Martin Heidegger war von dem Mysterium des Donaugedichts fasziniert und hat sich mit einer leidenschaftlichen Vehemenz damit beschäftigt. Im Sommersemester 1942 hat er sogar eine eigene Vorlesung über diese Hymne abgehalten. Neben „Der Ister“ hatten diese Ehre nur „Germanien“, „Der Rhein“ und „Andenken“.

Hölderlins Stromgedicht über die Donau ist also ein Mysterium im wahrsten Wortsinne. Gerade das macht vermutlich die Faszination dieser Hymne aus. Sehen wir uns endlich den Inhalt an:

Der Ister "Ister" wird vom altgriechischen "Ἴστρος - Istros", der antiken Bezeichnung für die Donau abgeleitet. Bei den Griechen war damit der ganze Fluss, bei den Römern eher nur der Unterlauf gemeint.
Jetzt komme,
Feuer!Feuer steht als Sinnbild für die Sonne (das Feuer vom Himmel) und den Beginn von etwas Neuem. Bei Hölderlin ist damit oft ein neuer Tag nach der Nacht der Götterlosigkeit gemeint.
Begierig sind wir Zu schauen den Tag, Und wenn die Prüfung Ist durch die Knie gegangen, Mag einer
spüren das Waldgeschrei.Spüren kann nicht nur in der eigentlichen Wortbedeutung sondern auch aus der Jagdsprache im Sinne einer Spur folgen (z.B. Jagdhunde, die eine Spur aufnehmen und Wild auftreiben) verstanden werden. Mit Waldgeschrei ist vermutlich der Gesang der Waldvögel als Ausdruck großer Natürlichkeit gemeint. Es können aber auch Jagdrufe oder primitive Gesänge der Einheimischen gemeint sein. Auf jeden Fall kommen hier Assoziationen zu romantischer Naturverbundenheit und Ursprünglichkeit auf (siehe auch Richard Wagners Waldvögelein in seinem Musikdrama "Siegfried").
Wir singen aber vom
Indus Der indische Fluss steht für das östliche Ende des Erdkreises der antiken Welt. Alexander der Große ist zum Beispiel bis zum Indus vorgedrungen und hat dann seinen Rückzug angetreten. Viele Ideen und kulturelle Errungenschaften, wie zum Beispiel der Dionysos-Kult, stammen vermutlich aus der alten indogermanischen Kultur "vom Indus her" und sollen ihren Weg über die alten Griechen und Römer bis nach Deutschland finden.
her Fernangekommen und Vom
AlpheusFluss in Griechenland beim heiligen Olympia
, lange haben Das Schickliche wir gesucht, Nicht ohne Schwingen mag Zum Nächsten einer greifen Geradezu Und kommen auf die andere Seite. Hier aber wollen wir bauen. Denn Ströme machen urbar Das Land. Wenn nämlich Kräuter wachsen Und an denselben gehn Im Sommer zu trinken die Tiere, So gehn auch die Menschen daran. Man nennet aber diesen den Ister. Schön
wohntIm Griechischen existiert ein Wort mit der gemeinsamen Bedeutung "wohnen" und "gelegen sein".
er. Es brennet
der Säulen LaubBäume an der Donau als griechische Säulen.
, Und reget sich. Wild stehn Sie aufgerichtet, untereinander; darob Ein
zweites MaßDie Felsen der Donau als zweite Ebene über den Baumwipfeln.
, springt vor Von Felsen das Dach. So wundert Mich nicht, dass er Den
HerkulesDer berühmte griechische Held holte der Legende nach den schattenbringenden Ölbaum von den Hyperboreern (Volk im Norden), um die nackt kämpfenden Olympischen Kämpfer vor der prallen Sonne zu schützen.
zu Gaste geladen, Fernglänzend, am Olympos drunten, Da der, sich Schatten zu suchen Vom heißen Isthmos kam, Denn voll des Mutes waren Daselbst sie, es bedarf aber, der Geister wegen, Der Kühlung auch. Darum zog jener lieber An die Wasserquellen hieher und gelben Ufer, Hoch duftend oben, und schwarz Vom Fichtenwald, wo in den Tiefen Ein Jäger lustwandelt Mittags, und Wachstum hörbar ist An harzigen Bäumen des Isters, Der scheinet aber fast
Rückwärts zu gehenDiese Zeilen sind ein wichtiger Eckpfeiler dieses Gedichts: Im Gegensatz zum wilden Rhein, fließt die Donau eher langsam. Gegenströmungen und Windböen können stellenweise den Effekt einer Strömungsumkehr hervorrufen, also den Eindruck eines Flusses von Ost nach West. Dieser Fluss entspricht der kulturellen Wanderschaft vom antiken Orient in das moderne Abendland bzw. in die westliche Welt der Hesperier. Der Austausch findet also in beide Richtungen statt.
und Ich mein, er müsse kommen Von Osten. Vieles wäre Zu sagen davon. Und warum hängt er An den Bergen gerad? Der andre Der Rhein ist seitwärts Hinweggegangen. Umsonst nicht gehn Im Trocknen die Ströme. Aber wie? Ein Zeichen braucht es Nichts anderes, schlecht und recht, damit es
SonnSonne und Mond als Symbole für die symbolische und zeitliche Vereinigung von unterschiedlichen, sonst getrennten Dingen im Fluss der Donau. Das Wasser spiegelt zum Beispiel Sonne und Mond gleichermaßen wider.
Und Mond trag' im Gemüt', untrennbar, Und fortgeh, Tag und Nacht auch, und Die Himmlischen warm sich fühlen aneinander. Darum sind jene auch Die Freude des Höchsten. Denn wie käm er Herunter? Und wie
HerthaHertha ist die germanische Göttin der Erde. Hier verbindet Hölderlin griechische und germanische Mythologie und zugleich die verschiedenen Elemente Feuer (Zeile 1), das Wasser der Donau, die Lüfte (Zeile 66) und hier die Erde.
grün, Sind sie die
Kinder des HimmelsDamit sind die Ströme, also der Rhein und die Donau gemeint.
. Aber allzugeduldig Scheint der mir, nicht Freier, und fast zu spotten. Nämlich wenn Angehen soll der Tag In der Jugend, wo er zu wachsen Anfängt, es treibet
ein andererDer Rhein als wilder und entschlossener Gegenpart zur "allzugeduldigen" (Zeile 58) Donau.
da Hoch schon die Pracht, und Füllen gleich In den Zaum knirscht er, und weithin hören Das Treiben die
LüfteIn dem Gedicht sind nun alle Elemente vereint: Feuer (Zeile 1), Wasser des Flusses, Erde als Erdmutter Hertha (Zeile 57) und hier noch die Lüfte.
, Ist der zufrieden;
Es brauchet aber Stiche der FelsSchwierig zu deutende Stelle: Ein möglicher Deutungsansazt lässt sich aus der Bibel (2. Mose 17,6) ableiten. Dort schlägt Moses auf einen Felsen, damit die Israeliten nicht verdursten: "Siehe, ich will dort vor dir auf dem Felsen am Horeb stehen; und du sollst den Felsen schlagen, und es wird Wasser herauslaufen, damit das Volk zu trinken hat." Der Strom bringt also neben der Kultur auch Leben, benötigt aber Stiche und Furchen. Oder ist Kultur gar lebensnotwendig?
Und Furchen die Erd, Unwirtbar wär es, ohne
WeileEine Weile ist ein kurzer Zeitraum. Im Kontext des Gedichtes klingt an dieser Stelle auch der Weiler als kleine Siedlung, also ein Ort, mit an.
; Was aber jener tuet der Strom, Weiß niemand.

Interpretationsansätze und Hintergründe

„Der Ister“ beschreibt den kulturellen Austausch zwischen dem antiken Orient und unserem modernen Abendland bzw. wie Hölderlin es ausdrücken würde, der westlichen Welt der Hesperier.

Der anbrechende Tag der neuen Ideen nach der Nacht der Götterlosigkeit wird dabei mit großer Feierlichkeit begrüßt:

Jetzt komme, Feuer!

Erster Vers von Hölderlins „Der Ister“

Das Gedicht geht dann auf die Voraussetzungen, Bedingungen und die Folgen dieser Kultivierungsleistung ein. Den Kulturträgern, also den Sängern und Dichtern, wird dieser Weg des Kultivierens zunächst als Kulturstrom von Ost nach West aufgezeigt:

Der scheinet aber fast

Rückwärts zu gehen und

Ich mein, er müsse kommen von Osten.

Friedrich Hölderlin – „Der Ister“, Zeile 41ff

Auch der berühmte griechische Held Herkules ist der Legende nach einst diesen Weg von Ost nach West gegangen, um den schattenbringenden Ölbaum von den Hyperboreern (Volk im Norden) zu holen. Dies war notwendig, um die nackt kämpfenden Olympioniken vor der prallen Sonne im heißen Griechenland zu schützen.

Der kulturell-geistige Austausch ist also durchaus keine Einbahnstraße, sondern erfolgt in beide Richtungen.

Und was wird hierzu benötigt? Ein Zeichen:

Ein Zeichen braucht es

Nichts anderes, schlecht und recht, damit es Sonn

Und Mond trag‘ im Gemüt‘, untrennbar,

Und fortgeh, Tag und Nacht auch, und

Die Himmlischen warm sich fühlen aneinander.

Friedrich Hölderlin – „Der Ister“, Zeile 50ff

Im Folgenden wird vor allem auf den Gegensatz der „allzugeduldigen“ (Zeile 58) Donau mit dem wilden und entschlossenen Rhein eingegangen, dem Hölderlin ein weiteres seiner großen Stromgedichte gewidmet hat.

So feierlich und entschlossen die Hymne beginnt, das Ende bleibt dennoch offen:

Was aber jener tuet der Strom,

Weiß niemand.

Schlussverse von Hölderlins „Der Ister“
Säulengang der Walhalla bei Regensburg
Säulengang der Walhalla bei Regensburg

Dieser Weg des Kultivierens ist also ein Weg ins Offene, getreu Hölderlins in „Der Gang aufs Land“ fixierten Motto:

Komm! ins Offene, Freund!

Friedrich Hölderlin: „Der Gang aufs Land“

Was dieses „Offene“ genau ist, bleibt jedoch ein Mysterium. Ein Rätsel, dessen Lösung in „Der Ister“ zwar angelegt, von uns „hesperischen Kulturträgern“ aber noch individuell zu lösen ist. Wir müssen nur das Zeichen erkennen.

In diesem Sinne ¡hasta la vista, CulturaLista!

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