Bruckner, Bier und Ballermann

Klassische Musik und Ballermann passen auf den ersten Blick so gut zusammen wie ein 1947er Château Cheval Blanc, der mit einem Versteigerungswert von 304.000 US-Dollar der teuerste Wein der Welt ist und eine Maß Bier für 8,50 € auf dem Ballermann. Und doch hat es ein Motiv des romantischen Komponisten Anton Bruckner (1824 – 1896) zur unangefochtenen Kulthymne in den Stadien und auf den Partys und Festivals dieser Welt gebracht.

Sobald einer der Partygänger die ersten zwei Töne anstimmt, singen – besser grölen – automatisch alle mit. Die Rede ist von dem Hauptthema aus dem 1. Satz („Adagio. Allegro“)  aus Bruckners 5. Sinfonie in B-Dur.

Die eingängige Melodie wurde durch keinen geringeren als durch die Rocklegende Jack White weltweit bekannt. Mit seiner Band „The White Stripes“ rockt er mit dem siebentönigen Bruckner-Riff im Song „Seven Nation Army“ die Bühnen dieser Welt:

The White Stripes – „Seven Nation Army“

Spätestens zur Fußball-Weltmeisterschaft 2006 wurde das Motiv als Fußball- und Staddionhymne und in der Folge auch als Partylied auf dem Ballermann bekannt:

Doch was macht dieses Motiv eigentlich so besonders, dass es regelmäßig die Partys dieser Welt zum Kochen bringt? Der Grund kann sein, dass es zu jenen Melodien gehört, an denen man sich niemals satt hören kann, weil sie einfach und komplex zugleich sind. Diese Melodien sind im Prinzip einprägsam wie klassische Ohrwürmer nur ohne Nervpotential. Deswegen werden sie auch nicht langweilig, wenn sie wie bei „Seven Nation Army“ im Grunde genommen den kompletten Song vom Anfang bis zum Ende ohne jede Änderung begleiten. Mehr als 250 Mio Klicks auf Youtube und der durchschlagende Erfolg auf Rockfestivals, am Ballermann und in Fußballstadien sprechen für sich.

In seiner monumentalen 5. Sinfonie, welche mit seiner Spieldauer fast an die Länge eines Fußballspiels ran reicht, führt Bruckner dieses Motiv deutlich behutsamer und noch nicht in der finalen „Jack White“-Form ein:

Erst im Finale des Satzes lässt Bruckner es in voller Schönheit und mit all seiner Kraft entfalten:

Zu was dieses Thema sonst noch fähig ist, kann man im 4. Satz erkennen. Wenn sich dort alle Themen der Sinfonie zu einem letzten monumentalen Höhepunkt Schicht für Schicht auftürmen, darf das Hauptthema aus dem 1. Satz natürlich nicht fehlen:

So wurde Bruckner ausgerechnet mit seiner komplexen und für Klassikneulinge eher schwer zugänglichen Fünften zum späten Rockstar und Jack Whites Karriere wäre ohne den genialen Einfall des Bruckner-Riffs mit Sicherheit nicht so rasant verlaufen. Manchmal sind die Dinge eben gar nicht mal so weit voneinander entfernt wie sie auf den ersten Blick scheinen. Und mal ehrlich: Wer gibt denn wirklich mehr als 300.000 US-Dollar für einen staubtrockenen 70 Jahre alten Wein aus dem Jahr 1947 aus? Dann doch lieber ein frisches Bier, begleitet von Bruckners 5. Sinfonie versteht sich.

In diesem Sinne ¡hasta la vista, CulturaLista!

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