Anton Bruckner und die Frauen – Pech in der Liebe, Glück in der Musik

Künstler, insbesondere Musiker, sind für die ganz großen Gefühle auf der Bühne zuständig. Um so interessanter ist es einen Einblick in ihre intime Gefühlswelt zu bekommen: Wie liebten die großen Meister und inwiefern beeinflusste ihr Gefühlsleben ihre Werke? Der spätromantische Musiker Anton Bruckner ist da ein ganz spezieller Fall, denn genauso außergewöhnlich wie seine Musik ist auch sein Liebesleben.

Anton Bruckner hat sein ganzes Leben nie geheiratet. Dabei kann man wirklich nicht sagen, dass er es nicht versucht hätte. Ganze neun Heiratsanträge sind von ihm überliefert – und kein einziger von diesen wurde angenommen.

Fun Fact nebenbei: Mit den sage und schreibe neun Heiratsanträgen hat er übrigens öfter versucht in den Hafen der Ehe einzufahren, als er gezählte Sinfonien hinterlassen hat (die Neunte blieb bekanntlich unvollendet).

Bruckner wuchs in einem streng katholischen Umfeld im ländlichen Österreich auf und gilt als frommer und gutmütiger Mensch. Die strenge Moral der katholischen Kirche hat er nie wirklich in Frage gestellt. Dennoch war er keineswegs ein enthaltsamer, libidoloser „Parsifal“, wie er bereits zu Lebzeiten von den Wagnerianern unter seinen Anhängern hingestellt wurde. Und schon gleich gar nicht war er ein liebesunfähiger schräger Vogel, wie es diejenigen hinbogen, welche es nicht gut mit ihm meinten. Es ist sicher, dass es ihn immer wieder zu jungen Frauen hingezogen hat und es sind zahlreiche „Liebesabenteuer“ von ihm überliefert. Zum Leidwesen Bruckners leider allesamt ohne „Happy End“.

Der Heimatforscher und Volksmusiksammler Hans Commenda hat nach dem Zweiten Weltkrieg eine interessante Sammlung („Geschichten um Anton Bruckner“, Verlag H. Muck, Linz / Donau 1946) voller Anekdoten über Anton Bruckner veröffentlicht. Die Geschichten schildern einprägsam und wie für einen Heimatforscher nicht anders zu erwarten in österreichischer Mundart die dusseligen Liebesabenteuer Bruckners.

Über seine erste große Liebe berichtet Commenda zum Beispiel in der Geschichte „Die erste Flamme“:

Die erste Flamme

Aloisia Bogner, Tochter des Schulmeisters von Sankt Florian, entflammte als erste ihres Geschlechtes das ewig junge Herz Bruckners zu voller Glut. In zierlichster Form widmete er ihr „Liebeslieder“, ja sogar einen „Steirischen“. Verstohlen steckte er diese Angebinde der Angebeteten ins Fenster und bat sie dabei immer nur bescheiden, ihm „gut“ zu sein.

Eines Tages aber gestand er ihr doch seine Gefühle mit den seltsam überschwänglichen Worten: „Wann Sie meine Frau werden möchten, tät i Ihna einsperren!“ (Er meinte „wie einen Augapfel hüten!“) „Da mag i Eahna nimmer!“ erwiderte Aloisia sogleich, da sie offenbar keine Lust hatte, ihr weiteres Leben in einer Art Harem zu vertrauern.

Bruckner suchte Trost in seiner geliebten Kunst. Er schrieb sich in einer kantatenartigen Tondichtung „Entsagen“ das Liebesleid von der Seele. Erst nach vielen Jahren sah er bei einer Primiz in Sankt Florian die einst Geliebte als Frau eines anderen wieder. Freundschaftlich ging er ihr entgegen und sagte schmunzelnd: „Sie sand meine erste richtige Flamme gwesen!“

Hans Commenda: „Geschichten um Anton Bruckner“, Verlag H. Muck, Linz / Donau 1946

Manchmal hatte er einfach Pech und seine Liebe wurde leider nicht erwidert, wie Commenda in „Pfui Teufel“ erzählt:

Pfui Teufel

Bruckner liebte wieder einmal heiß. Diesmal ist es eine schöne Linzerin. Ein zartes, blondes, liebes, gescheites Mädel aus guter Familie, eine Schülerin.

Wenn der Meister ihr vorspielt, und das tut er gerne, dann sitzt sie stundenlang geduldig und bewundernd an seiner Seite. Sie ahnt die künftige Größe ihres Lehrers und erbittet sich von ihm eine erkleckliche Zahl von handschriftlichen Skizzen, Entwürfen und ähnlichen Kleinigkeiten. Bruckner glaubt seine Liebe erwidert und schwebt im siebten Himmel. Plötzlich wird er eines Tages daraus jäh und hart wieder auf die Erde hinab geworfen. Und das kommt so.

Eben hat er der Angebeteten seine schönsten neuen Einfälle vorgespielt. Ehrfürchtig hat sie zugehört und dann, ja dann ihm unverblümt in dürren Worten mitgeteilt, dass sie demnächst einen wohlhabenden Linzer Bürgersohn ehelichen werde. Da erhebt sich Bruckner, knallt den Flügel zu, geht zur Tür, sagt laut „Pfui Teufel!“ und ward in diesem Haus nie mehr gesehen.

Hans Commenda: „Geschichten um Anton Bruckner“, Verlag H. Muck, Linz / Donau 1946

Ein anderes mal hat er es ganz einfach selbst verbockt:

Daneben gegangen

Bruckner war weder ein weltgewandter Plauderer noch ein sogenannter „guter Gesellschafter“. Im Kreise von Höherstehenden und gar in Gesellschaft von Damen fühlte er sich daher gar nicht zu Hause und benahm sich mit rührender Unbeholfenheit.

So saß er eines Tages bei einem ihm zu Ehren gegebenen Essen einem anmutigen, mit ausgesuchtem Geschmack gekleideten Mädchen gegenüber. Immer wieder versuchte die Schöne, mit ihrem berühmten Tischgenossen ins Gespräch zu kommen. Es wollte nicht glücken. Bruckner wetzte verlegen auf seinem Sessel herum, aß nur „wie ein Vogerl“, beschränkte sich auf einsilbige Antworten und getraute sich nicht einmal, dem reizenden Mädchen in die Augen zu gucken.

Schließlich nahm sich die Verschmähte ein Herz und klagte: „Aber, hochverehrter Herr Professor, Sie würdigen mich ja kaum eines Blickes, geschweige denn eines Gespräches. Und dabei habe ich mich Ihnen zu Ehren besonders schön gemacht und mein neueste Kleid angezogen!“ Darob noch verlegener, stotterte Bruckner: „Aber, mein liabe Fräuln, wegen meiner hätten s‘ do(ch) überhaupt nix anziagn brauchen!“

Die Holde errötete, Bruckner schwieg erschrocken und der Faden des Gespräches wurde fortan nicht mehr geknüpft.

Hans Commenda: „Geschichten um Anton Bruckner“, Verlag H. Muck, Linz / Donau 1946

Oder es wurden ihm im entscheidenden Moment die Knie weich. Wer kennt das nicht?

Eine Bayreuther Schöne

Auf einem Spaziergang durch den Hofgarten in Bayreuth ließ Bruckner seine Begleiter plötzlich stehen und eilte, quer über den Rasen laufend, über Gräben und Hecken springend, niederstürzend und wieder aufstehend, einem ihm bislang völlig unbekannten weiblichen Wesen zu, das seine Begeisterung entfacht hatte.

Als er aber dann, nicht gerade in der feinsten Verfassung, schließlich vor der Schönen stand, war es mit seinem Mut zu Ende. „Bitt schön“, stammelte er, noch außer Atem vom Laufen, „bitt schön, is net da herum wo die Villa Wahnfried?“

Eine „bessere“ Ausrede war ihm, der in Wagners Haus seit Jahren aus und ein ging, in der Eile nicht eingefallen. „Natürlich, gerade vor Ihnen!“, erwiderte die mit Recht etwas erstaunte Angeredete und zeigte auf die nächste Gartentür. „Oh, küss die Hand und bitt tausendmal um Entschuldigung!“, stotterte Bruckner mit tiefen Bücklingen. Dann war dieses Liebesabenteuer so rasch und unvermutet beendet, wie es begonnen hatte.

Hans Commenda: „Geschichten um Anton Bruckner“, Verlag H. Muck, Linz / Donau 1946

So schön diese Anekdoten und Geschichten zu lesen sind, ist doch ein gewisses Maß an Vorsicht bei Rückschlüssen auf die Persönlichkeit Bruckners angebracht. Commenda ging es nicht um die wissenschaftliche Erstellung eines Persönlichkeitsprofils, sondern viel mehr schlicht und ergreifend um Unterhaltung seines Publikums. Jedenfalls zeigen diese Geschichten, dass Bruckner eben kein enthaltsamer „Parsifal“ war, sondern durchaus an dem anderen Geschlecht Interesse zeigte.

Ob es bei all diesen Versuchen doch irgendwann bis zum „Äußersten“ kam ist nicht bekannt. Viele Bruckner-Kenner vermuten, dass er sogar als „männliche Jungfrau“ starb. Bruckner selbst hat zur Verbreitung des Klischees des enthaltsamen Frömmlings nur all zu gerne beigetragen und so sein Image geschärft und seinen Bekanntheitsgrad erhöht. So äußerte er im Jahre 1892, als alter Mann, gegenüber dem Musikkritiker Wilhelm Zinne, dass er sein ganzes Leben kein Verhältnis gehabt hätte. Ebenso teilte er ein anderes mal mit, dass er als junger Mann mal eine Frau geküsst hätte und das als „Sünde“ empfand.

Außerdem begegnete er seinem ehemaligen Lehrer Otto Kitzler, als dieser ihn auf seine „ungeregelten Verhältnisse“ ansprach:

Lieber Freund, ich habe keine Zeit, ich muss jetzt meine Vierte schreiben!

Bruckner gegenüber Otto Kitzler über seine „ungeregelten Verhältnisse“

Enthaltsamkeit für die Kunst also? Wohl eher nicht: Josef Kluger, ein Bekannter Bruckners und Direktoriumsmitglied der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien sowie der Wiener Konzerthausgesellschaft schätzte sein Liebesleben vielleicht zutreffend folgendermaßen ein:

Er liebte oft und oft, aber stets nur par distance und diskret.

Josef Kluger über Bruckner

Und ziemlich fruchtlos angesichts der großen Zahl abgelehnter Heiratsanträge können wir mit Fug und Recht ergänzen.

Obwohl er es immer wieder versucht hat, muss man festhalten, dass er sich nicht besonders geschickt beim Flirten angestellt hat und mit Sicherheit kein Frauenheld war. Umso mehr kann man sich aber gut vorstellen, wie er unter den Zurückweisungen und dem Gerede in Wien gelitten haben muss. Trost fand er schließlich in seiner geliebten Musik. Eben Pech in der Liebe, dafür Glück in der Musik.

In diesem Sinne ¡hasta la vista, CulturaLista!

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